02.10.2015 |   Rheingold-Studie zur öffentlichen Meinungsbildung

Emotionalisierung lässt rationalen Argumenten wenig Raum

Wir wollen Benzin sparen und kaufen uns trotzdem ein SUV, wir bevorzugen Ökostrom und entscheiden uns dennoch für den günstigsten Stromtarif, wir kennen die Risiken der konventionellen Landwirtschaft und gehen zum Billig-Discounter - Die irrationale Koexistenz von Meinungen sind eine Folge der zunehmenden Emotionalisierung des öffentlichen Raums. Das ist ein Ergebnis einer repräsentativen Studie, die die Marktforscher von Rheingold im Auftrag der Heinz-Lohmann-Stiftung umgesetzt haben.

Aus Umfragen in der Bevölkerung und tiefenpsychologischen Interviews mit 52 Entscheidern aus Wirtschaft, Politik, Verbänden, Medien und NGOs geht hervor, wie sich Landschaft und Mechanismen der Meinungsbildung in Deutschland in den vergangenen Jahren entwickelt haben und sich in Zukunft entwickeln könnten. So glauben vier von fünf Bundesbürgern, dass viele gesellschaftliche und wirtschaftliche Zusammenhänge für Laien heute kaum noch zu verstehen sind, und räumen Schwierigkeiten ein, überhaupt eigene Meinungen zu entwickeln. Die Folge ist eine Meinungsvielfalt in den Köpfen: Ein- und derselbe Bürger entwickelt und vertritt je nach Kontext unterschiedliche Meinungen und Verhaltensweisen zu ein- und demselben Thema nach der Devise: "Windkraft, ja bitte. Aber nicht vor meiner Tür!"

Seit Jahren gewinnen laut der Studie Emotionen an Bedeutung für die öffentliche Meinungsbildung. Privates wird zunehmend öffentlich, zugleich interessieren sich Bürger mehr für die private Seite von Personen, die in der Öffentlichkeit stehen. 79 Prozent der Befragten mögen Politiker, die "auch einmal Gefühle zeigen und sich nicht immer 100 Prozent im Griff haben". Höchste Glaubwürdigkeit (80 Prozent) sprechen die Befragten den "Betroffenen" eines Problems zu, also denjenigen, die emotional am stärksten verwickelt sind. "Und im Reich der Emotionen können Widersprüche nebeneinander existieren, die Regeln der Logik gelten hier nicht", sagt Jens Lönneker, Psychologe und Geschäftsführer der Marktforschungsagentur Rheingold Salon.

Deutlich weniger Glaubwürdigkeit genießen hingegen Wirtschaft (25 Prozent) und Politik (20), die im Empfinden der Befragten die öffentliche Meinung im Zweifel gegen diese emotionalen Befindlichkeiten der "kleinen Leute" gestalten wollen. Medien (40 Prozent) werden hier etwas besser beurteilt, während NGOs (79) sowie Wissenschaftler aus Institutionen (70) und unabhängige Experten (81) beste Glaubwürdigkeitswerte erzielen. Die befragten Bürger sehen ihre Emotionen und Anliegen bei ihnen besser aufgehoben.

Mehr Informationen über die Studie gibt es hier.

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