Juristen gelten vielen Kommunikationsleuten als Bedenkenträger und PR-Verhinderer. Tipps für ein Miteinander. Von Chan Sidki-Lundius
„Oje, die Juristen! Mit denen ist manchmal gar nicht gut Kirschen essen“, stöhnt eine Pressesprecherin aus dem Frankfurter Raum, die bewusst anonym bleiben möchte. Sie arbeitet für ein mittelständisches Unternehmen aus der Finanzdienstleistungsbranche und kennt in der Zusammenarbeit mit Kollegen anderer Abteilungen normalerweise keine größeren Komplikationen. Doch wenn Kollegen aus der Rechtsabteilung mit am Ball sind, benötigt sie häufig „Nerven aus Stahlseil“. Da werde dann gern und penibel um jeden Punkt und jedes Komma gestritten. „Viele Juristen denken wahnsinnig kompliziert. Auch sind sie häufig nicht in der Lage, so zu formulieren, dass man sie auch als Nicht-Jurist versteht. Im Umgang mit der Presse oder auch bei Textfreigaben kommt es dadurch immer wieder zu Konfliktsituationen“, berichtet die Pressesprecherin. Auch Matthias Struwe, der die Kommunikationsarbeit der Wirtschaftskanzlei Rödl & Partner realisiert, hat so seine Erfahrungen mit den Rechtsvertretern gemacht.
Lieber gar nichts sagen?„Juristen tendieren dazu, gemäß dem Motto ‚Weniger ist mehr’ gar nichts oder wenig zu kommunizieren und jedes Wort in die Waagschale zu werfen. Ebenso neigen sie dazu, sich stark an rechtlichen Tatsachen und Sachverhalten zu orientieren.“ Angesichts der Tatsache, dass die Presse gern Geschichten erzählen möchte und ausführliche Infos bevorzugt, könne da der Verdacht aufkommen: Wer sich kurz hält, hat etwas zu verbergen. Die Folge: Medienschelte und Negativ-Schlagzeilen!
Viele PR-Kollegen erleben tagtäglich Ähnliches. Sie haben sich mit Juristen auseinander zu setzen, die die Kommunikationsarbeit erschweren oder gemäß ihrer Vorstellungen und Standards reglementieren wollen. Unter Kommunikationsleuten gelten Juristen daher häufig als Bedenkenträger, im schlimmsten Fall sogar als regelrechte Verhinderer professioneller PR-Arbeit. Das ist bedauerlich. Schließlich gehören die Kollegen aus den Rechtsabteilungen zu den Abteilungen im Unternehmen, mit denen PR-Verantwortliche immer mal wieder und häufig auch regelmäßig zu tun haben. Und zwar nicht nur, wenn es um Massenentlassungen, Insolvenzen, Bilanzskandale, Unfälle oder Umweltskandale geht. „Die Legal-Kollegen informieren uns beispielsweise über aktuelle Fälle und Urteile, die einen PR-Impact haben können. Wir stimmen uns bei Wordings ab und bereiten Produkt-Launches gemeinsam vor“, erläutert Stefan Keuchel, Corporate Communications und Public Affairs Manager von Google Deutschland. Auch bei TUI gibt es zahlreiche Anlässe zur Zusammenarbeit an der Schnittstelle zwischen Konzernkommunikation und Rechtsabteilung. Da geht es dann zum Beispiel um die Auseinandersetzung mit der Hauptversammlung der TUI AG im Mai 2008 in Beug auf den „aktiven“ Aktionär John Fredriksen. Weitere Themen: die Fusion der TUI Touristiksparte mit First Choice Holidays PLC, der Terroranschlag von Djerba und der anschließende Gerichtsprozess um Schadenersatz und Haftung oder die Übernahme der kanadisch-britischen Reederei CP Ships durch Hapag-Lloyd in 2005. „Das ist eine bunte Mischung. Hinzu kommen, und das ist eher Alltag im Bereich der Produktkommunikation, Reaktionen seitens des Unternehmens auf Kunden-Reklamationen, die über die Medien vorgetragen werden“, erläutert Robin Zimmermann, Head of Media Relations in der Konzern-Kommunikation der TUI AG. Auch Alexander Lüders aus der Unternehmenskommunikation der EDEKA Zentrale in Hamburg berichtet von zahlreichen Berührungspunkten. Diese würden die gemeinsame Projektarbeit beziehungsweise die unterstützende Projekt-Kommunikation ebenso betreffen wie das klassische Tagesgeschäft. „Schnittstellen ergeben sich beispielsweise bei der Recherche von Themen, bei Interview-Anfragen oder bei der Organisation von Events. Auch produktspezifische oder Waren-Themen zählen dazu, wobei es sich dabei nicht per se um Krisenkommunikation handeln muss“, sagt Alexander Lüders. Im expliziten Krisenfall werde die Rechtsabteilung beispielsweise als Verbindungsstelle zu zuständigen Behörden tätig. Zudem sei es selbstverständlich, dass im Krisenfall jegliche Kommunikation nach innen und außen rechtlich abgestimmt werde.
Zu den Aufgaben der Unternehmens-Juristen gehört es, nach innen zu beraten und die gerichtliche beziehungsweise außergerichtliche Vertretung nach außen zu stellen. Nach innen steht die Beratung der Kollegen zu unterschiedlichen Rechtsgeschäften an. Das können Fragestellungen aus dem Gesellschaftsrecht, Fragestellungen aus dem BGB, aus Forderungsmanagement, Prozess- oder Datenschutzrecht mit PR-Relevanz sein. Hinzu kommt häufig die Überwachung und Auswertung der für ein Unternehmen einschlägigen Entwicklung im Bereich der Rechtsprechung sowie die Auswahl und Zusammenarbeit mit Anwälten. Zu den externen Aufgaben gehören zum Beispiel die außergerichtliche Vertretung, Schlichtung und Mediation, Vergleiche, die Teilnahme an Schiedsgerichten sowie Termine mit Sachverständigen.
Der Jurist und das MikrofonBekanntlich kommt es hin und wieder auch vor, dass die Rechtsexperten zum großen Auftritt vor Publikum, vor die Kamera oder vor das Mikrofon gebeten werden. „Leider ist nicht jeder Rechtsanwalt auch ein guter Kommunikator. Deshalb sollte man als Pressesprecher insbesondere bei öffentlichen Auftritten immer die dafür geeignetsten Kollegen auswählen. „Kommt kein Rechtsexperte dafür infrage, kann es ratsamer sein, dass der Pressesprecher nach enger Abstimmung mit den Kollegen selbst Auskunft gibt“, so die Empfehlung von Matthias Struwe.
Beim Umgang mit den Rechtsexperten sollten PR-Verantwortlichen ihre vorrangige Aufgabe grundsätzlich darin sehen, die Interessen der Medien und die Interessen der Juristen auszugleichen und einen entsprechenden Mittelweg zu finden. Voraussetzung für eine gute Zusammenarbeit ist außerdem, dass der PR-Profi ein Gespür für juristisch sensible Punkte entwickelt und diese beim Formulieren berücksichtigt. „Übersetzungsarbeit leisten“ sagt der Inhaber von Raike Kommunikation, Wolfgang Raike, dazu. Er hat beobachtet, dass insbesondere die jüngere Generation der Juristen in den letzten Jahren flexibler und offener gegenüber PR-Belangen geworden ist. „Da hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Öffentlichkeitsarbeit wichtig ist. Außerdem haben viele Juristen begriffen, dass sie insbesondere in Krisensituationen mit ihrem Latein nicht weiterkommen und daher auf PR-Versierte sowie auf eine wohlmeinende Presse angewiesen sind. Richter lesen schließlich auch Zeitung“, so Raike. Das lässt aufatmen und hoffen. Die Chance, dass sich PR- und Rechtsexperten zielgerichtet und im Dienst der Sache auf Augenhöhe miteinander unterhalten, ist da.