14.06.2013 |   Blattkritik des Allianz-Kundenmagazins

Sympathie-Versicherungen bei den "1890"-Lesern

Cover der 1890-Ausgabe 2/2013.
Cover der 1890-Ausgabe 2/2013.

Es gehört Souveränität und ein sensibles Kommunikationskonzept dazu, in einem opulent gestalteten, mit 500.000 gedruckten Exemplaren extrem hochauflagigen Kundenmagazin, das eigene Licht unter den Scheffel zu stellen. Von vermeintlich "typischen Allianz"-Themen ist in der erst 2012 gegründeten neuen Hochglanzzeitschrift "1890", zu der es neben einem Online-Auftritt vor allem eine sehr aufwendige, zum Schmökern, Spielen und Staunen anregende iPad-Version, gibt, wenig zu lesen. Auf den ersten Blick zumindest.

Der Bezug zum Münchner Versicherungskonzern schleicht sich oft unaufdringlich, weil originell und damit quasi über die Hintertür ein - etwa wenn man gebannt wie in einem "echten" Wissensmagazin ein Hintergrund-Feature über die Gefahren durch den anwachsenden Weltraumschrott liest und eher beiläufig erfährt, wie kompliziert es ist, Satelliten zu versichern. Oder aber wenn die eigene Unruhe ansteigt, wenn man in der aktuellsten Ausgabe, die sich ausschließlich Themen aus der digitalen Alltagswelt widmet, davon erfährt, wie leicht es Cyberkriminellen fällt, den heimischen Laptop auszuspionieren.

Große Kauftitel als Vorbilder

Das Journalistische, die faktenreiche Reportage, der pointierte Kommentar - etwa von prominenten "1890"-Kolumnisten wie Fußball-Moderator und Talkshow-Gastgeber Gerhard Delling -, die bildstarke Fotostrecke bis hin zu sympathisch Skurrilem wie einem modernen Märchen für das Facebook- und Twitter-Zeitalter von "GQ"-Autorin Paula Lambert, steht bei "1890" immer im Vordergrund. Der Anspruch von Chefredakteur Mario Vigl, sich mit den großen Kauftiteln zu vergleichen, ist ehrgeizig - aber nicht vermessen. "Im Idealfall sollten unsere Geschichten so gut sein, dass sie auch ,Stern', ,Spiegel' oder ,Geo' drucken könnten", so Vigl.

Hermann-Josef Knipper, Leiter der Allianz-Unternehmenskommunikation und zuvor selbst als stellvertretender "Handelsblatt"-Chefredakteur ein Anhänger offener Worte und des klaren Stils, hatte ihn im Herbst vergangenen Jahres von der "ADAC Motorwelt" geholt - auch deshalb, weil Vigl, zuvor auch "Playboy"-Textchef und Redakteur des "SZ Magazin", über ein enges Netzwerk an Journalisten- und Fotografen-Kontakten verfügt. So schildert im bislang zweiten Heft, der "Digitalisierungs"-Ausgabe aus dem Frühjahr 2013, "SZ"-Redakteur Gerhard Matzig in einem eindrucksvollen siebenseitigen Erlebnisbericht, wie er und seine Familie einmal ihre eigene Wohnung auf den Kopf stellten, alle "analogen" Alltagsgegenstände wie Bücher oder das Klavier entfernten und testweise durch elektronische Pendants ersetzten. In der Juli-Ausgabe, die sich schwerpunktmäßig mit der Volkskrankheit Demenz beschäftigt, besucht ein "1890"-Reporter die Schalke 04-Legende Rudi Assauer für ein Exklusiv-Interview und eine Foto-Story.

Nutzwertthemen rund um Versicherungen im hinteren Teil

Sehr wahrscheinlich, dass sich auch dabei der Konzern wieder sehr klein macht. "Mindestens in der Hälfte der Geschichten taucht kein einziges Mal das Wort ,Allianz' auf", sagt Vigl. Lediglich im hinteren Heftteil wird es - entsprechend der Firmen-Signalfarbe - "blauer". Dort finden sich Nutzwertthemen rund um Versicherungen und Kundenbedürfnisse, die von den Lesern auch erwartet werden.

Zwei Drittel des Heftes widmet sich dagegen Schwerpunktthemen - eine Tendenz, die Mario Vigl, der an der ersten Ausgabe rund um die Kräfte des Winds, noch nicht mitarbeiten konnte, eher noch verstärkt hat. "Die Mission des Heftes ist es, intelligenten, unterhaltsamen Journalismus zu bieten", so der Chefredakteur. "Unsere Schwerpunkte haben eher auf einer Meta-Ebene mit der Allianz zu tun." Um spannende Themen und ungewöhnliche Perspektiven darauf ist er nicht verlegen.

Heraus kommt ein Magazin, dessen Lektüre Spaß macht und Erkenntnis bringt - und somit deutlich länger auf dem Couchtisch bleiben darf als so mancher Konkurrent zum schnellen Durchblättern und Entsorgen. Einen besseren Beleg für den hohen Image-Erfolg als ein Eselsohr oder Kaffeeflecken als intensive Gebrauchsspur kann man einem Magazin gar nicht gönnen. Vom "1890"-Magazin und vor allem von der pfiffigen kostenfreien iPad-Lösung, die sich zu 100 Prozent mit dem Print-Titel deckt, aber zusätzlich noch eine Vielzahl an Videos und Animationen bietet, können nicht nur die Corporate-Publishing-Mitbewerber, sondern auch die "realen" Magazin-Verlage auf dem Markt etwas lernen.

Rezension: Rupert Sommer

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