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News / "Ist doch egal, wie Technokraten das nennen"
Andreas Severin
29.03.2012   News
"Ist doch egal, wie Technokraten das nennen"
 
Alarm in der Bildungsnation: Die Deutschen, klärt uns Forsa auf, können mit dem Begriff Nachhaltigkeit nichts anfangen. Kann das sein? Darf das überhaupt sein? Immerhin kennen sie sich mit der Abseitsregel aus (die eine Hälfte wenigstens), sie kennen Mary Janes (die andere Hälfte jedenfalls) und alle kennen  den Auktionsprozess bei eBay.

Und jetzt dies: 36 Prozent können spontan nicht sagen, was sie mit "Nachhaltigkeit" verbinden. Ist das einen Aufreger wert? Nicht wirklich, meine ich. Das Konzept der Nachhaltigen Entwicklung ist seit dessen politischer Erweckung zur Konferenz von Rio 1992 im Wesentlichen Fachkreisen und überdurchschnittlich informierten Bildungseliten vertraut.

Obwohl mittlerweile  Leitmotiv weltweiter politischer Programme dürfte dennoch nur ein kleiner Ausschnitt der beteiligten Politikvertreter in der Lage sein, diesen Begriff zu erklären. Muss aber auch nicht sein. Den Begriff Ehegatten-Splitting verstehen schließlich auch nur diejenigen die ihn verwalten oder unmittelbar von ihm betroffen sind.

Nachhaltigkeit ist ein komplexes Konstrukt und auch die damit befassten Experten haben zuweilen Mühe, dessen neuesten Verwendungen zu folgen. Warum muss ein anständiger Citoyen mit diesem Komplex vertraut sein? Reicht es nicht aus, wenn ein zunehmender Bevölkerungsanteil seinen Lebensstil verändert: weniger Lebensmittel wegwirft, Strom aus erneuerbaren Energie den Vorzug gibt, umsichtig mit Wasser umgeht und vielleicht sogar sein Mobilitätsverhalten überdenkt. Ist doch egal, wie – sorry – Technokraten das nennen.

Apropos, liebe Forsa: Es könnte nochmal richtig interessant werden, in Unternehmen (die Nachhaltigkeitsberichte veröffentlichen) und unter Politikern (die Umweltressorts verantworten) nach diesem Begriff zu fragen. Das Gleiche bitte dann aber auch mit den Begriffen Bruttosozialprodukt und EU-Rettungsschirm.

Ich finde das Forsa-Ergebnis darf man auch mal positiv deuten: Die Deutschen wünschen sich ein gutes Bildungssystem (78 Prozent), finden den Ausbau erneuerbarer Energien gut und sie bevorzugen Gemüse aus der Region (79 Prozent).

Mit solchen Bürgern kann man doch Staat machen. Die Welt wird nicht untergehen, wenn wir die Begriffe nicht verstehen, so lange wir begreifen, was zu tun ist. Und wenn sie dann doch mal zu kompliziert für unser großes Herz aber zu kleines Hirn wird, bleibt uns immer noch die Geborgenheit der Unwissenden: Eine Google-Suche nach "meaning sustainability" liefert zwar keine finalen Antworten, dafür aber das gute Gefühl einer Community von Millionen anderer Suchenden zuzugehören.

Von
Andreas Severin, Managing Partner der Düsseldorfer Agentur Crossrelations

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