13.07.2012 |   Hausbesuch bei Raike Kommunikation in Hamburg

"Es ist alles sehr schnelllebig"

Wolfgang Raike im Gespräch - Foto: ohb
Wolfgang Raike im Gespräch - Foto: ohb

Raike Kommunikation liegt zentral in Hamburg an der sechsspurigen Ludwig-Erhard-Straße. Der Lärm der Autos auf der stark befahrenen Durchgangsstraße: schlicht unüberhörbar. "Warten Sie erst einmal ab, wenn das alles Elektroautos sind, dann wird das hier eine Idylle", schmunzelt Wolfgang Raike, ein Urgestein der deutschen PR-Branche.

Raike, namensgebend für seine Agentur, ist seit 1978 dabei. Ohne Wartezeit empfängt er im Konferenzraum. Der Autolärm wird hier zu einem leisen Hintergrundrauschen. Wir setzen uns und sprechen über Kundenbeziehungen. Dabei stellt sich heraus: Schnelllebigkeit wird ein Schlüsselbegriff unseres Gespräches.

Im Beratungsgeschäft ist der Wettbewerb extrem gewachsen. Damit hat sich auch der Anteil der kontinuierlichen Beratung zugunsten des Projektgeschäftes verschoben. "Die Intervalle der Zusammenarbeit, das ist ein allgemeiner Wirtschafts- und insbesondere ein PR-Trend, werden immer kürzer", konstatiert Raike nüchtern. Kontinuität spiele eben nicht mehr die gleiche Rolle wie früher. Größere Agenturen schleppten einen Kostenblock mit sich, den Einzelberater so nicht hätten - was sich auf die Zahlungsbereitschaft der Kunden auswirkte.

Der Markt ist überschwemmt mit Einzelkämpfern

Überhaupt: "Der Aspekt der Kosten ist in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren immer wichtiger geworden. Die Branche ist dadurch sehr zersplittert, wesentlich zielorientierter, schneller und härter geworden. Diese Schnelllebigkeit kommt auch durch die vielen Anbieter. Sehr viele Redakteure haben in den letzten Jahren ihre Jobs verloren, sie drängen in den Markt und da es keine Zugangsregelung gibt für diesen Beruf, ist es jedem freigestellt, zu sagen, ich bin jetzt PR-Experte oder Kommunikationsberater oder was auch immer, nur weil er zwei Jahre in einer Redaktion gearbeitet hat. Der Markt ist überschwemmt mit Leuten."

Raike hält inne: "Da gibt es natürlich auch gute Leute, aber es gibt eben auch viele, die schlecht sind, und bevor das der Kunde merkt, braucht er seine Zeit. Das macht den Markt und die Preise kaputt! Und es ist nicht gut für das Image der Branche."

"Praktikanten und Volontäre werden teilweise ausgebeutet"

Entwicklungen, die es nicht leichter machten, in der Branche zu bestehen und Geld zu verdienen, "aber mit unserer Aufstellung haben wir eine gute Marktposition erreicht", sagt Raike. Nach dem Verkauf der Anteile als geschäftsführender Gesellschafter der BSMG Worldwide Deutschland (an Weber Shandwick) hatte Raike 2001 seinen eigenen Laden gegründet. 25 Mitarbeiter kümmern sich heute in Hamburg, Berlin, Frankfurt und München in den Bereichen Tourismuswirtschaft, Maritime Wirtschaft, Immobilien und Infrastruktur sowie Energie und Umwelt um Kunden wie Hamburg Tourismus, Blohm + Voss oder Costa.

Ein Bottleneck der Branche: das Personal. Gute Leute zu bekommen sei schwieriger geworden. So sucht Raike Kommunikation PR-Personal für den Immobilienbereich und die maritime Wirtschaft. Im letztgenannten Feld kocht der Chef aktuell momentan mit zwei Assistentinnen selbst. "Die PR-Branche hat sich ja jahrzehntelang über die Ausbildung der PR-Leute gestritten - bei diesem Streit ist es im Endeffekt geblieben. Die Branche hat es insgesamt verpasst, geregelte Ausbildungswege einzuführen. Da wurde viel den Partikularinteressen von einzelnen geopfert - das waren die Ausbildungsinstitute und Verbände - das hat der Ausbildung nicht geholfen. Jetzt bekommen wir die Quittung dafür", sagt Raike.

 

 

Raike wird noch deutlicher: "Praktikanten und Volontäre werden teilweise ausgebeutet. Es wird oft nur noch Learning by doing praktiziert - das ärgert mich." Er biete ein klares Ausbildungsprogramm und eine "ordentliche Bezahlung, die sich an den Verlagen orientiere." Was er von einer Image-PR-Kampagne der Branche in eigener Sache für den Nachwuchs halten würde? "Ich würde die PR-Kampagne bei einer Imageaktion für den Nachwuchs unterstützen, aber ich frage mich, wer der Absender sein soll?"

Auszeiten von den Neuen Medien

"Konflikte werden vor allem über das Netz ausgetragen, das ist ja nicht neu", sagt Raike. Allerdings habe sich durch die neuen Medien - im Vergleich zu anderen Medienkanälen - an den Gesetzen der Kommunikation nicht viel geändert. "Das einzige, was sich geändert hat, ist, dass Sie im Netz Meinungen noch schwieriger beeinflussen können. Ich glaube allerdings, dass man Diskussionen im Netz auf eine informative Ebene im Sinne des Kunden heben kann", so Raike. Man dürfe nicht undervocer agieren. "Man sollte immer mit offenem Visier Stellung beziehen. Das ist glaubwürdig und schafft Vertrauen."

So zentral die Rolle des Netzes für seinen Job, so wichtig ist Raike eine persönliche Distanz zum Medium: "Es ist alles sehr schnelllebig. Man muss aufpassen, das ist meine private Meinung, dass die neuen Medien nicht das ganze Leben bestimmen und alles andere unwichtig wird." Umso wichtiger seien Auszeiten von den Neuen Medien. Offen gesteht er, dass ihm das zuweilen auch Probleme bereitet: "Ich habe 40 verschiedene Medien auf dem iPhone und lese manchmal morgens beim Zähneputzen damit den Spiegel. Das hätte sich vor zehn Jahren noch keiner träumen lassen."

Gleich das ganze Bürogebäude mitgekauft...

Als Raike seine Agentur in Hamburg eröffnete, hat er gleich das ganze Bürogebäude mitgekauft, um dort neben seiner Agentur unter dem Markennamen MEDIAfleet auch Startups aus dem Kommunikationsumfeld Büroraum anzubieten. Seine Philosophie für die Mieter: keine langen Wege - alles Inhouse - viele Berührungspunkte für Kooperation. "Das war ein Traum, als Einzelkämpfer ist es schwierig, Wachstum zu finanzieren. Ein Pitch kostet richtig Geld, deshalb ist es gut, wenn man eine Symbiose mit anderen anbieten kann, um große, schlagkräftige Einheiten ins Feld führen zu können, die über einer 20-25 Mann Agentur liegen." Im vergangenen Jahr wurde alles im Gebäude entsprechend umgebaut, von den sechs Etagen sind drei an Freelancer und Start-ups vermietet.

 

 

Und das Weinbistro, das einem im Erdgeschoss beim Empfang eine kleine Sekunde daran zweifeln lässt, dass man eine Kommunikationsagentur betritt? Gehört dazu! "Neben dem Büro in Berlin habe ich im Erdgeschoss noch das Weinbistro eröffnet. Wir haben auch einen Anleger, in Kürze kommt dort die Terrasse dazu." Agenturchef, Immobilienbesitzer und Weinhändler, da sei er wohl die weltweit einzige Person aus der Branche, die das in sich vereine. Wer jetzt auf falsche Gedanken kommt: "Ich trinke gerne Bier, Wein verkaufe ich lieber." Da ist es nur konsequent, dass Wolfgang Raike auch an einer Bierbrauerei beteiligt ist.


Auf Hausbesuch war: Oliver Hein-Behrens

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Kommentare

Frank Behrendt am 20.07.2012 um 18:48
Einfach gut zu wissen und zu lesen, dass es noch richtig ehrbare PR-Kollegen gibt. Wolfgang Raike ist einer. Prost oder zum Wohl:)!
 

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