19.02.2013 |   Kerstin Hoffmanns Gegenrede auf Adrian Peter

Von Märchen und Booten, die es gar nicht gibt

Kerstin Hoffmann
Kerstin Hoffmann

Der Kollege Peter hat, so scheint es, schlechte Laune. Dafür hat er mein volles Verständnis. Denn anscheinend hat bei ihm nämlich einmal zu oft einer jener PR-ler angeklopft, die mit dem kumpelhaften Habitus eines Stammtischbruders ausrufen: "Kommen Sie, wir sitzen doch alle im selben Boot!" - Kaum etwas ist so nervend wie PR-Leute, die ihre Arbeitszeit damit verbringen, Journalisten die Zeit zu stehlen, statt sich mit relevanten Informationen und mit gutem Service hervorzutun.

Doch daraus leitet Adrian Peter mehr oder weniger ab, dass das eine allgemeine Regel sei, der die gesamte PR-Branche folgt. Eine Regel, die er sogleich ins Reich der Mär verbannt. Zu kurz geschlossen, finde ich. Es beweist nämlich einfach nur, dass es eben - wie in jedem anderen Beruf - auch PR-Leute gibt, die nicht unbedingt sehr professionell arbeiten, und das zum eigenen Schaden und zu dem ihrer Kunden. Doch Peter vernachlässigt mit seiner These von der "Mär desselben Bootes" diejenigen Bereiche der Realität, mit denen er aus naheliegenden Gründen eher nicht konfrontiert wird: Ich habe den Verdacht, dass ihm gar nicht klar ist, in welchem Ausmaß Redaktionen - über das jetzt schon manchmal kaum noch Erträgliche hinaus - mit sinnfreien, als Pressemitteilungen getarnten Werbetexten überschwemmt würden, wenn nicht so viele journalistisch geschulte Pressearbeiter sich bei ihren Auftraggeber (auch) als Pressearbeitsverhinderer betätigen würden.

Natürlich ist es nicht der Empathie für die Journalisten geschuldet, sondern zutiefst im Interesse des jeweiligen PR-Kunden, ihm auszureden, alle Chefredakteure der führenden Wirtschaftsmedien per Anruf zu einer Pressekonferenz einzuladen, in der eine mittelständische Steuerberaterkanzlei stolz die neue graukarierte statt bisher beigemelierte Auslegeware im Empfangsbereich präsentiert (... und ich übertreibe hier nur ganz leicht!).

In Wahrheit profitieren Journalisten von gut geschulten PR-Leuten, die ihnen interessante Themen anbieten ohne zu nerven. Und die ihnen auf Nachfrage Informationen und Materialien so aufbereitet liefern, dass sie damit möglichst wenig Arbeit haben. Wenngleich, das gebe ich zu, der investigative Journalismus ein Sonderfall ist. Ein Sonderfall, in dem beide Seiten sauber und korrekt arbeiten müssen.

Über die Bootskante ziehen? Fehlanzeige!

Natürlich haben, gerade - aber nicht nur - im investigativen Journalismus, Pressearbeiter und Pressevertreter nicht das gleiche Interesse. Darüber macht sich jedoch keine Seite Illusionen oder strickt gar Märchen daraus. Der Pressevertreter vertritt die Öffentlichkeit, der Pressearbeiter den Kunden. Wenn Letzterer es tut, dann wird er dabei journalistischen Regeln folgen, ohne zu vergessen, welchem Herrn er dient. Er ist dabei kein Journalist, aber er weiß, wie man journalistisch arbeitet. (Und wenn er das weiß und eigene Redaktionserfahrung hat, dann wird er wahrscheinlich nicht in ein Verhalten verfallen, das Journalisten wie Adrian Peter einfach nur nervt.) PR ist ein eigenes Handwerk, das man allein mit journalistischer Erfahrung nicht ausüben kann - und umgekehrt. Der PR-ler möchte seinen Kunden im besten Licht darstellen. Wenn er klug ist, stellt er das differenziert an. Denn der Journalist findet es, wie die interessierte Öffentlichkeit, oftmals spannender, wenn eben dieser Kunde mal so richtig auf die Fresse fliegt.

Immer dann, wenn jemand beispielsweise in akuten Krisen eine leicht durchschaubare Salamitakt fährt, die dem Protagonisten früher oder später zum Verhängnis wird, kann man fast sicher sein, dass hier nicht rechtzeitig ein erfahrener PR-Mensch eingebunden war. Der nämlich vorausgesehen hat, dass früher oder später ohnehin herauskommt, was nicht zu verbergen ist. Weswegen man oft besser in aller Offenheit die Flucht nach vorn antritt. Natürlich schwitzen in mancher Krise die PR-Leute mit ihren Auftraggebern, und jeder von uns ist froh, der nicht in einen presseinduzierten Entrüstungssturm gerät. Aber wohl kaum jemand von uns gibt sich in einer solchen Situation der Illusion hin, er könne die beteiligten Rechercheure mal so eben über die eigene Bootskante ziehen.

Bitte nicht die Ebenen vermischen!

Peter bemüht den Vergleich zwischen Staatsanwalt und Strafverteidiger, die ein gegenläufiges Interesse hätte. Ich stimme ihm einerseits zu: Ja, in der konkreten Sache mag es stimmen. Auf der übergeordneten Ebene aber treten beide für das Recht ein. "Beide Seiten sind zuallererst ihrem Auftrag verpflichtet.", betont Adrian Peter abschließend. Ja, aber bitte, wer hätte das denn je anders behauptet?

Es ist ja nun nicht so, dass die gesamte Presselandschaft allein aus PR-Leuten bestünde, die mit jovialen Sprüchen versuchen, Redaktionen irgendwelche Publikationen unterzujubeln. Und auf der anderen Seite standhaften Journalisten, die tapfer dagegen an-recherchieren. Ein guter Pressearbeiter wird im Sinne seines Auftraggebers relevante Themen identifizieren und diese den Medien anbieten. Er wird für Krisen-PR Vorsorge treffen und im Krisenfall seinen Auftraggeber unterstützen. Ein der Neutralität verpflichteter Pressevertreter wird sich, getreu dem immer noch geltenden Ausspruch von Hanns-Joachim Friedrichs, mit keiner Sache gemein machen, auch mit keiner guten. Aber er wird sich in seiner neutralen Selbstverpflichtung ebensowenig öffentlich diebisch daran freuen, wenn jemand auf die oben schon angesprochene Fresse fliegt.

Mir jedenfalls ist mangelnder gegenseitiger Respekt selten aufgefallen. "Wer als Pressesprecher erwartet, von den 'Kollegen' geschont zu werden, geht von einem falschen Rollenverständnis aus.", meint Peter. Ich meine: Wer so etwas erwartet, hat einfach den Beruf verfehlt. Insofern steht einem fairen, sachlichen und professionellen Umgang miteinander nichts im Wege, wo beide Seiten ihr Handwerk verstehen. Da sind wir uns ganz einig, der Herr Peter und ich. Dafür muss man aber meines Erachtens nicht erst Gräben aufreißen, um sie dann mit einem versöhnlichen Handschlag wieder zu schließen. In aller Fairness und in allem Respekt, lieber Adrian Peter!

Kerstin Hoffmann ist Kommunikationsberaterin und bloggt als PR-Doktor

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